social media artist

FACE(S) OF MAN

Globales Fotokunstprojekt von Wolf Nkole Helzle

klicken Sie auf das Bild


Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen; es wird weitere Erkundungen in anderen Ländern rund um den Globus geben.


Als Vorwort zu dem Katalog ICH BIN WIR schrieb ich im Jahre 2010:

1996 hatte ich einen Traum, in dem ich gleichzeitig ein alter Indianer, ein gestandener Mann aus der Bachschen Zeit und ich selbst war. Die Umsetzung dieses Traums in eine kleine Arbeit unter Zuhilfenahme eines Morphingprogramms stellt den Anfang einer „Untersuchung“ dar, welche ich seither ohne Unterbrechung mit der Frage: „Was bedeutet es, ein Sechsmilliardelstel (*1) zu sein?“ vornehme. In diesen dreizehn Jahren ist es mir gelungen, innerhalb dieser einen Arbeit 25.000 (*2) Menschen in jeweils gleicher Weise fotografisch zu portraitieren. Weitere Arbeiten zu diesem Thema folgten.

In der ersten Zeit bewies ich mir dadurch vor allem eines: Egal wo ich auf der Welt unterwegs bin, ob in Europa, Afrika oder Asien, es gibt keine zwei gleichen Gesichter. Wodurch mir der Vorrang der Individualität bewiesen schien. Im Laufe der Zeit jedoch entdeckte ich mehr und mehr, dass es sich eher um die endlose Variation des Gleichen handelt, wie es Sri Aurobindo so unnachahmlich formulierte. Allein schon das Verfahren des Morphings wäre nicht in dieser Weise möglich, wenn nicht immer wieder die Bezugspunkte von Augen, Nase und Mund für die Berechnungen der Übergänge verwendet werden könnten.

Die sogenannte Individualität des Einzelnen besteht aus einer Vielzahl von Eigenschaften, welche einzeln gesehen überhaupt nicht individuell sind. Ich bin ein Mann, bin 1950 in Deutschland geboren, arbeite als Künstler, trinke gerne Tee usw. Erst alle Eigenschaften zusammen genommen ergeben so etwas wie eine Unverwechselbarkeit.

Individualität aber noch lange nicht: Ich kann ja nicht behaupten, dass ich mein Gehirn selbst erfunden und hergestellt habe, meinen Blutkreislauf, meinen Knochenbau, ja selbst mein Wissen über diese Welt ist das Produkt der Gesellschaft, in welcher ich lebe.

Die überall propagierte Individualität ist ein hohles Nichts, welche in sich zusammenfällt, sobald man ein bisschen genauer hinschaut. Und dies zum eigenen Vorteil: Entstehen doch erst jenseits des - aus der Idee der Individualität heraus sich entwickelnden – Egoismus wahrhaft ernstzunehmende Aktivitäten. Und diese sind spätestens in einer Zeit, in welcher der ungebremste Egoismus eine große Gefahr für Leib und Leben des gesamten Planeten darstellt, ungemein wichtig.

Wie fühlt sich das an, wenn wir uns als Teil der Weltbevölkerung empfinden, als Teil des Kosmos? Wenn der andere nur anders ist im Sinne eines weiteren Blattes am Zweig des Baumes? Können wir da nicht anfangen uns Fragen zu stellen, wie wir leben wollen, zum Beispiel ohne Waffenarsenale, mit welchen wir uns seit Menschengedenken gegenseitig umbringen?

Im evangelischen Süden Deutschlands aufgewachsen, stand die Aussage: „Vor Gott sind alle Menschen gleich“ immer im gefühlten Gegensatz zu meinen persönlichen Erfahrungen, die in den allermeisten Fällen den Aspekt des Unterschieds mehr hervorgehoben haben als jenen der Gleichheit. Immer war jemand anderes schneller oder langsamer, schlauer oder dümmer, reicher oder ärmer als ich. Und daraus entsteht dann ganz allgemein die Energie, immer besser sein zu wollen als andere: Nur die Leistung zählt. Die Kirche selbst macht da keinen Unterschied, sie lebt aus der Einteilung in „wir“ (die Guten) und „ihr“ (die Schlechten, ihr kommt nicht in den Himmel).

Bäcker sind für Brötchen da und Künstler für Bilder. Getreu diesem Motto versuche ich immer wieder neu Bilder zu (er)finden für verschiedene Aspekte des ICH BIN WIR. Die Milliarden von Zellen, aus welchen sich mein Körper zusammensetzt, sind das Individuen, die machen können, was sie wollen? Würde mein Körper funktionieren, wenn dort plötzlich der ungebremste Egoismus ausbräche? Wie kann ich mich selbst als eine Zelle im Organismus Menschheit wahrnehmen?

Was folgt daraus?

Wolf Nkole Helzle im Oktober 2010

(*1) Inzwischen (2021) rechnet man mit 7,85 Mrd.
(*2) Inzwischen sind es weit über 50.000 Portraits geworden in mehr als 30 Ländern